Führung in der heutigen Zeit - im Gespräch mit Torsten Heimann

Führung in der heutigen Zeit

Neben der Corona-Pandemie stellen sich einer Führungskraft mittlerweile ganz andere Aufgaben: Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran, "dickköpfige" Millennials und der stärker werdende Wunsch nach Gleichberechtigung. Wie meistert man es als Führungskraft, diese Punkte mit Bravur sicherzustellen und alles andere drum herum zu managen? Diese Fragen richte ich heute an einen, der es wissen muss – Unternehmensberater und Manager Torsten Heimann!

Verstärkte Digitalisierung – Fluch oder Segen?

Besonders durch die Corona-Pandemie wurden Unternehmen sowie Führungskräfte digital auf die Probe gestellt. Immer mehr Angestellte arbeiten im Homeoffice und möchten das auch nicht mehr missen. Für Mitarbeiter * im Außendienst ist das Vorantreiben der Digitalisierung aus unserer Sicht doch ein großer Vorteil. Was sagst Du dazu?

Torsten Heimann: „Teils, teils – wir haben schon positive Seiten an der Digitalisierung. Wir haben gemerkt, dass wir mit der Digitalisierung noch nicht so weit sind und manchmal auch schlechtes WLAN herrscht, weil durchaus auch die Anbieter noch nicht so weit sind. Auf jeden Fall ist es natürlich schon ein Vorteil, weil wir viele Trainings, Tagungen und Meetings schnell und flexibel planen können, keine Fahrtzeit und keine Fahrtkosten. Meetings sind kürzer und klarer strukturiert. Für einen Vertriebler ist die Digitalisierung eher negativ behaftet: Wir leben von den Besuchen vor Ort, den sozialen Kontakten. Umgekehrt geht es den Ärzten und Kliniken nicht anders. Sie wollen die Kontakte, die persönlichen Besuche. Jetzt geht es darum, sich anzupassen und im Omni-Chanel fit zu machen.  Ich selbst schaue mir das bei meinen Kids (12 und 10 Jahre) ab und kann davon profitieren. Und das ist wichtig: Auch nach Corona wird die Omni-Chanel-Betreuung immer wichtiger."

Wie handhabst Du die Situation mit Deinen MitarbeiterInnen?

Torsten Heimann: „Ganz toll haben wir das gehandhabt. Führen aus der Distanz heraus – habe ich mir natürlich Gedanken zu gemacht, wie ich das jetzt angehen soll. Wir haben gemeinsam beschlossen, dass wir uns morgens um 9 Uhr zu einer Coffee-Break treffen. Das Ganze haben wir unverbindlich gehalten und 90% der Mitarbeiter waren immer dabei! Das war richtig cool. Wir haben sowohl über Berufliches, als auch Privates gesprochen. Die Coffee-Breaks machen wir nach wie vor noch, aber seit dem Lockdown haben wir das etwas reduziert und uns auch im Sommer draußen getroffen. Die Abstandsregeln wurden selbstverständlich eingehalten.“

Millennials und Generation Z – Die Generation mit Digitalisierung im Blut

Es ist jedermann bekannt: Millennials sind nicht so leicht zu führen. Warum? Zum einen mangelt es unter Umständen an Motivation zur Konzentration: Ist es nicht interessant, sind sie gelangweilt. Besonders Millennials der Generation Z sind es gewohnt, ständig von Content durch Social Media unterhalten und begeistert zu werden. Sie brauchen die Abwechslung. Zum anderen wollen sie unbedingt wahrgenommen werden. Wie empfindest Du die Zusammenarbeit mit Millennials bzw. der Generation Z und was konntest du für Dich als Führungskraft daraus ziehen?

Torsten Heimann: „Das Wichtigste ist, dass man als Führungskraft ‚cooler‘ wird und sich auf die neue Generation einlässt. Für Generation Z geht es darum, dass der Job zum Leben passen muss. Das Leben ist wichtig, das Leben zu genießen. Einen Sinn im Leben und in der Arbeit zu haben, ist für Millennials und Generation Z wichtig. Dass wir einfach als Führungskraft lockerer werden und wir uns auch mit den Themen auseinander sitzen, die die Millennials interessieren – das ist Social Media, das ist Omni-Chanel. Die, die keine Kinder zuhause haben, können es sich nicht bei denen abschauen oder so mitkriegen, wie ich das bei meinen Kids kann. Diejenigen müssen es sich dann bei anderen abschauen und erklären lassen, wie es funktioniert. Nur so kann man Millennials künftig beschäftigen und bei der Stange halten. Millennials wollen Unternehmen mit New Work, Positive Leadership. Da müssen vor allem die Führungskräfte hin. An der neuen Generation kommen wir nicht vorbei. Die wird kommen und die müssen wir haben – darüber bin ich auch sehr froh. Man darf als Führungskraft und Unternehmen nicht vergessen, dass unsere Kunden auch immer jünger werden. Die nutzen auch Social Media und wenn wir die bedienen wollen, funktioniert das nur mit Omni-Chanel, einer schnellen WhatsApp- oder LinkedIn-Nachricht oder einem schnellen Zoom-Meeting. Das ist wirklich nicht mehr wegzudenken. Omni-Chanel: Das ist der Trend, das ist die Zukunft und da sollte man besser gestern schon starten.“

Sinn für Gleichberechtigung – Normalität oder noch ein weiter Weg?

Gleiches Gehalt, Einstellung der Mitarbeiter unabhängig vom Geschlecht oder der kulturellen Herkunft - Keiner macht es, aber alle „tun so als ob“? Eine sehr pauschale Aussage, doch leider nicht komplett dementierbar. Als Person mit Führungsverantwortung ist Dir dieses immer wieder aufkommende Problem doch sicherlich auch bekannt. Was tust Du zur Beseitigung struktureller Nachteile und für eine Chancengleichheit?

Torsten Heimann: „Gleichberechtigung - ich glaube noch nicht, dass das angekommen ist. Das haben sich natürlich viele Unternehmen auf die Fahne geschrieben, aber ich glaube, es laufen teilweise intern Bestrebungen über die Geschichte Vitamin B. Da geht es dann nicht mehr um Hautfarbe und Geschlecht, sondern: wie gut kenne ich jemanden. Für die, die gern in dem Unternehmen arbeiten würden, aber nicht über Vitamin B reinkommen, ist dann der Platz nicht mehr da und das hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Gleichberechtigung heißt für mich, eine Neutralität auch innerhalb des Unternehmens zu haben und neutrale Stellenbesetzungen zu machen; nicht Stellenbesetzungen nach Vitamin B – weder intern noch extern. Es ist zwar immer schön, wenn man Leute kennt und in ein Unternehmen empfehlen kann; aber wenn wir Gleichberechtigung leben wollen, müssen wir das auch nach außen tragen. Dann brauchen wir neutrale Ausschreibungen. Dann müssen wir jeden Bewerber der da kommt, neutral handhaben. Diese Themen müssen aber von ganz oben, aus der Geschäftsleitung und dem Vorstand kommen.“

Feedback-Kultur – Wie wichtig ist sie geworden?

Wir alle geben bei jeder Rückmeldung Feedback, ob bewusst oder unbewusst. Ich möchte mit Dir über das bewusste Feedback sprechen. Diese Stellungnahme kann positiv oder negativ ausfallen. Positives Feedback beschreibt eine konstruktive und wertschätzende Kritik, bei der sowohl Erfolge als auch Fehler angesprochen werden, um dem Gegenüber etwas mit auf den Weg geben. Negatives Feedback hingegen meint subjektive, tendenziell auch unangebrachte Rückmeldung, die auf einer persönlichen Meinung beruht. Wie wichtig ist Dir Deine Feedbackkultur und worauf achtest Du dabei?

Torsten Heimann: „Das ist ein wichtiges Thema. Da geht es um Vertrauen. Bevor ich Feedback gebe, müssen meine Mitarbeiter mir erst einmal vertrauen können und das können sie nur, indem ich mich auch öffne; sage, wie ich ticke und wie ich so drauf bin. Feedback ist, wie in jeder Beziehung auch, das A und O, um Veränderung zu schaffen. Ich finde ein neutrales Feedback macht keinen Sinn. Das Gegenüber, der Empfänger weiß bei einem neutralen Feedback gar nicht, was der Sender will, was ich will. Deswegen sollte man Dinge schon offen ansprechen. Davon lebt ja auch jede Beziehung. Wenn man es neutral machen würde, wüsste keiner ‚Was will der andere eigentlich?‘. So ist es auch im Job und mit den Kollegen; wir geben uns offenes Feedback – positiv sowie negativ. Wenn es negatives Feedback gibt, dann ist aber nicht so, wie man es von früher kennt - dass man alleine dasteht und eine richtige Abreibung kriegt. Wir erarbeiten einen gemeinsamen Lösungsweg und in der Regel kommt der Mitarbeiter von selbst auf die Lösung. Im Coaching kann man da schon Techniken anwenden, dass man mit Mitarbeitern eine gemeinsame Lösung findet. Meistens findet der Mitarbeiter sie selbst und ich muss es nicht vorgeben – weil 'Ober sticht Unter' ist auch oldschool und brauchen wir nicht. Für mich selbst ist Feedback auch wichtig und mir ist das Thema Vertrauen sehr wichtig. Mir können die Mitarbeiter logischerweise auch Rückmeldung geben. Ich habe auch meine Fehler und andere Sichtweisen oder möchte schnell vieles umsetzen, sodass sich manche Kollegen und Mitarbeiter schnell auf die Füße getreten fühlen. Ich nehme diese Feedbacks an und reflektiere dann für mich, versuche neue Wege zu gehen. Nobody’s perfect.“

Die „perfekte“ Führungskraft – Ist das möglich?

Jeder führt anders und setzt andere Prioritäten. Uns würde interessieren: Was macht Deiner Meinung nach eine perfekte Führungskraft aus? Was sollte der/diejenige mitbringen?

Torsten Heimann: „Das ist gar nicht so einfach, Eine perfekte Führungskraft gibt es meiner Meinung nach nicht. Jeder hat seine Fehler und muss sich immer wieder neu justieren. Es gibt gute Führungskräfte und es gibt schlechte Führungskräfte, aber keine perfekten Führungskräfte. Schlechte Führungskräfte, sind aber auch keine schlechten Menschen! Das sind einfach nur Führungskräfte, die nicht so mit Menschen umzugehen wissen; das ist eher noch ein oldschool-Führungsstil. Was ganz, ganz wichtig ist für bestehende und zukünftige Führungskräfte: man muss Menschen mögen und gern mit ihnen zusammenarbeiten. Man darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, man muss ein gewisses Selbstbewusstsein mitbringen und eine solche Position nicht für das eigene Ego anstreben. Den Job als Führungskraft darfst du nur machen, wenn du der Meinung bist, dass du Menschen motivieren und Ihnen bei Problemen zur Seite stehen willst, egal ob beruflicher oder privater Natur. Das ist das, was du als Führungskraft brauchst. Während der Arbeit muss man sich immer wieder selbst reflektieren und nachjustieren, das ist dann der Alltag. Als Grundvoraussetzung MUSS eine mächtige Grundtendenz Menschenliebe mitgebracht werden. Mitarbeiterbindung ist das A und O der Zukunft.“
Torsten Heimann

Torsten Heimann

Head of Marketing & Sales

Nach dem Abitur 1994 startete Torsten Heimann zunächst im Bundes-Katastrophenschutz des DRK und wurde dort zum Rettungssanitäter ausgebildet. Dort hatte er sich für acht Jahre verpflichtet. So konnte er ab 1995 schon in den Bereich der Pflege einsteigen und begann bei der Lebenshilfe Wetzlar/Limburg ein duales Studium zum Heil- und Sonderpädagogen, welches er 2000 erfolgreich abschloss. Danach ging es für Ihn weiter zur Lebenshilfe Gießen und in seine erste Führungsrolle. Parallel dazu schnupperte er als Freelancer bei der medicine Medienproduktion/ZDF Enterprises bereits erste Pharmaluft. Im Jahr 2002 wechselte er in das Land Hessen als Head of Marketing & Events. Neben seiner erfolgreichen PR-Kampagne rundum Guido Westerwelle und das Guidomobil plante er diverse Events mit Duran Duran, PUR, BAP, Joe Cocker oder auch Xavier Naidoo. 2006 platzierte Torsten Heimann den TV-Spot „Sinupret – Nase Voll“ für Bionorica SE und wechselte 2010 dann endgültig in die Pharmaindustrie als Head of Marketing & Sales, National Account Manager und heute als Sales Manager Specialty Care bei der Ipsen Pharma.

Drucken